„Verpiss dich aus meinem Dorf…“

-Neue Nazinester verhindern und bestehende am 1.Oktober in Hamm zurückdrängen.

Unter dem Motto „Den deutschen Volkstod stoppen“ wollen auch in diesem Jahr Neonazis aus dem Spektrum der „Freien Kameradschaften“ und „Autonome Nationalisten“ durch Hamm marschieren. Zu dem Aufmarsch am 1. Oktober – organisiert von der lokalen „Kameradschaft Hamm“ – werden um die 200 Teilnehmende erwartet.
Im Vorjahr versammelten sich bereits einen Tag vor dem Aufmarsch in Hamm circa 40 Neonazis zu einer Vorabendkundgebung in Ahlen. Von einem lauten Gegenprotest der zahlreichen Antifaschist*innen gestört, propagierten sie dort erfolglos ihre menschenverachtende Ideologie und handelten sich zudem zwei Anzeigen wegen Verstoßes des Versammlungsgesetzes ein.
Eine ähnliche Kundgebung in Ahlen für den Vorabend des 1.Oktober noch nicht offiziell angekündigt, aber dennoch mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten.

Die eine Hand wäscht die Andere..

Obwohl die Aktionen seitens der „Freien Kameradschaften“ wenig erfolgversprechend sind und keine Menschen jenseits der Neonaziszene mobilisieren können stärken sie die Kooperation der regionalen Neonazigruppen.
So waren die Hammer Neonazis maßgeblich an dem Aufbau extrem Rechter Strukturen in Ahlen beteiligt.
Die guten Kontakte zu den vorhandenen Neonazistrukturen des östlichen Ruhrgebietes und die älteren sowie erfahreren Kamerad*innen standen der Ahlener Neonaziszene von Anfang an bei Flugblattaktionen und Infoständen zur Seite. Akteur*innen der „Kameradschaft Hamm“, die seit dem Jahre 2003 besteht, beteiligten sich seit der Gründung der „Autonomen Nationalisten Ahlen“ im Jahre 2006 besonders an Aktionen im Ahlener Stadtgebiet.
Auch vor den lokalen Gerichten mussten sich Kamerad*innen aus beiden Städten schon zusammen äußern. Erst vor wenigen Wochen durften sich diese vor dem Ahlener Amtsgericht wegen einer Schlägerei am Rande einer Nazikundgebung im letzten Jahr verantworten.


..und die anderen sich in Unschuld.

Die lokale Ahlener Presse sowie Vertreter*innen der Politik sprachen in der Vergangenheit oftmals von einem „Wanderzirkus“, der nach Aktionen die Stadt wieder mit dem Zug Richtung Ruhrgebiet verlasse. Diese Sichtweise verharmlost nicht nur das bestehende Naziproblem der Stadt Ahlen, sondern verweigerte jegliche Verantwortung eine Lösung für das ganz offensichtlich bestehende Naziproblem zu finden.
Auch Akteur*innen der Zivilgesellschaft, die sich bei der neonazistischen Vorabendkundgebung nicht auf Seiten von Antifaschist*innen stellen wollten, verlieren sich in wilden Extremismustheorien ohne sich den Ursachen von Antisemitismus und Rassismus zu nähern.
Nicht zu leugnen ist, dass die Ahlener Neonazis bei öffentlichen Veranstaltung auf die Unterstützung von außerhalb angewiesen sind. Dies bedeutet aber nicht, dass es in Ahlen keine aktiven Neonazis gibt. Es gibt sie und sie sind gut vernetzt mit größeren Neonazi-Gruppen in der Region, die immer wieder zur Unterstützung bei Aktionen mobilisiert werden können.An dem Beispiel Hamm und Ahlen lässt sich gut aufzeigen, dass gefestigte Neonazisstrukturen nicht nur Auswirkungen auf die eigene Stadt haben, sondern auch auf die Städte und Dörfer im Umland.
Ohne die Kameradschaft in Hamm würde es die Autonomen Nationalisten in Ahlen nicht – oder sicherlich weniger stark und aktionsorientiert geben.
Die Zusammenarbeit wirkte sich jedoch nicht nur positiv auf die Autonomen Nationalisten Ahlen aus, sondern auch auf die Neonaziszenen in Hamm, Unna und Dortmund. Denn auch dort sind – außer in Dortmund – immer nur eine handvoll aktive Neonazis in der jeweiligen Stadt wohnhaft, die die eigenen Straßen zu ihren „Nazi- Kiezen“ erklären wollen.
Organisiert werden neben Kundgebungen und Demonstrationen in den eigenen Städten auch Fahrten zu großen Neonazievents in ganz Deutschland. Oftmals treten aus verschiedenen Städten Redner*innen auf, die ihre rassistische und menschenverachtende Kotze einer Vielzahl von Neonazis vortragen und somit sich selbst und „ihre“ Kleinstadt in der extrem rechten Szene populärer machen.

„Neonazis in Warendorf!?“

Aktuell versuchen bereits gefestigte rechte Gruppen die Neonaziszene in Warendorf weiter auszubauen. Dort ist eine ähnliche Situation zu beobachten wie in Ahlen vor 5 Jahren. Eine mit Erscheinungen des Neonazismus noch unerfahrene Stadt und Zivilgesellschaft treffen auf eine handvoll extrem rechter Jugendliche, die über gute Kontakte in die Neonaziszenen der Umgebung verfügen.
Vor wenigen Monaten lud die evangelische Kirche zusammen mit der Mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus zu einem Infoabend zum Thema „Neonazis in Warendorf“ ins Pfarrheim ein. Neben zahlreichen engagierten Bürger*innen und Jugendlichen besuchten auch mehrere Neonazis aus Hamm, Ahlen, Münster und Warendorf die Veranstaltung. Diese versuchten durch die ständige Wortergreifung die Debatte zu leiten und vom eigentlichen Thema „Neonazis in Warendorf“ abzulenken.
Seriös und harmlos gekleidet verbreiteten sie stattdessen ihre nationalistischen und rassistischen Ansichten im Veranstaltungsraum, während einige lokale Warendorfer Nachwuchs- Neonazis vor der Tür warten mussten, da ihr veraltetes Neonazioutfit mit schwarzen Bomberjacken der örtlichen Polizei ein Dorn im Auge war und sie zu sehr nach „Krawall“ aussahen.

Jenseits der Metropolen

Diese Situation veranschaulicht zum Einen das Problem der Existenz extrem rechter Organisationen, Gruppierungen und Cliquen in der Provinz und zum anderen die Schwierigkeit antifaschistischer Arbeit in solchen Gegenden.
Das Phänomen der extremen Rechten ist dort meistens ein sehr unerforschtes Themenfeld, sodass bei Behörden immer noch über „Skinheads“ mit Springerstiefeln und Bomberjacke gesprochen wird. Dass wegen Gewalttaten vorbestrafte Neonazis heutzutage bei Diskussionsveranstaltungen wie in Warendorf „leger“ , „bürgerlich“ und „zivil“ gekleidet auftreten, ist dort noch nicht angekommen.
Das ländliche Umfeld macht es darüber hinaus komplizierter für junge, nicht-rechte Leute sich zu vernetzen und zu organisieren.
Schwierig ist es auch Jugendlichen, die- in manchen Dorf mangels Alternative- in ihrer Freizeit bei der Landjugend abhängen oder sich am Wochenende am liebsten bei Schützenfesten besaufen, eine Alternative fernab der „Biodeutschen Kartoffelcrew“, aufzuzeigen.
Da in kleinen Städten und ländlichen Dörfern meistens jede*r jede*n kennt ist die antifaschistische Arbeit in einem anonymen Umfeld schier unmöglich. Jugendliche werden schneller als „anders“ oder „alternativ“ wahrgenommen. Diese Tatsache lässt den eigenen Selbstschutz schon beim Aussehen anfangen, da auffällige Antinazibuttons oftmals Antifas in der Provinz schnell erkennbar machen.
Hinzu kommt noch das Image der Provinz, die „verloren“ scheint und in der „eh nix geht“. Diese Sicht von außen macht die Arbeit nicht leichter und verbreitet schnell eine Perspektivlosigkeit, die es zu verhindern gilt.

Demotourist*innen, die Berlin, Dresden und Hamburg jedes Jahr einen Besuch abstatten, weil es ja „auf jeden Fall knallen wird“ verdrängen das Problem, dass durch Demonstrationen wie in Hamm Neonaziszenen in der Region gestärkt und motiviert werden.
Und auch der Alltag, der in Hamm und Ahlen durch häufige Flugblattaktionen, Kameradschaftsabende und Nazibesäufnisse an örtlichen Bahnhöfen gekennzeichnet ist, darf auf die Fokussierung auf die größeren „Nazi- Events“ nicht in Vergessenheit geraten. Gerade diese regelmäßigen Treffen der extremen Rechten stärken den Szenezusammenhalt und motivieren immer wieder junge Leute, sich dieser Szene anzuschließen.
Durch die Schwächung dieser Strukturen werden neue „Provinznazihochburgen“ verhindert. Das geschieht jedoch nur, wenn auch „Großstadtantifas“ diese Regionen durch Taten unterstützen und sich im Gegenzug die Stadtpolitik und eine von ihr mobilisierte Zivilgesellschaft von der unhaltbaren „Extremismustheorie“ verabschiedet.
Dazu gehört auch das diese endlich die Gefahren erkennen, die von einer erstarkenden extremen Rechten ausgeht – Gefahren für Antifaschist*innen, People of Colour, Lesben und Schwule, Menschen mit Behinderungen und alle die nicht in die neonazistische Halluzination eines „Volkes“ passen.

Deshalb kommt alle am 1. Oktober nach Hamm! Neue Nazinester verhindern und bestehende zurückdrängen!





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