Es folgt ein Beitrag über die autonomen Nationalisten Ahlen, der als Vorlage für den Artikel, der in der Lotta #36 unter dem Titel „Wahnsinnig und hyperaktiv“ erschienen ist. Er dient der Ergänzung und einigermaßen Aktualisierung des Artikels aus dem Jahr 2008.

Die unendliche Geschichte

Seit 2006 agiert eine unbekannte Anzahl von Neonazis in Ahlen: Die autonomen Nationalisten Ahlen. Von der Polizei und der örtlichen Politik als eine „handvoll Chaoten“ verherrlicht, prägten diese dennoch das Ahlener Stadtbild durch verschiedene Aktionen.

ANA – Wer ist das?

Da die genaue Anzahl der Ahlener Nazis unbekannt ist, sollen hier vordergründig die Hauptakteure beleuchtet werden.
Als Anführer sei der Ahlener Daniel B. zu nennen. Mittlerweile 21 Jahre alt, wird er nun die nächsten drei Jahre in der Münsteraner JVA verbringen müssen. Was er nicht im Kopf hat, findet sich in seinen Aggressionen wieder: B. gilt als intellektuell schwach behaftet, dafür zeichnete er sich durch sein aggressives Auftreten, seine Drohungen, Pöbeleien, sowie Angriffe auf andersdenkende Menschen aus. Vor seinem Einzug ins Gefängnis wurde er als nachfolgender Führer der Schaumburger Nazis gehandelt.
Sein Stellvertreter Dirk Splettstößer (19 Jahre) hat die Hauptschule abgeschlossen und hält gelegentlich Vorträge im nazistischen Umfeld. Im Urteil vom 09.04.09 erwarten ihn im Dezember 10 Monate auf Bewährung, wodurch er wohl gezwungen sein wird eher hintergründig zu agieren.
Bei einem weiteren Mitglied handelt es sich um Matthias Deyda (18), der in Bockum Hövel wohnhaft ist, sich aber ständig in Ahlen herumtreibt und auch bei den autonomen Nationalisten Ahlen organisiert ist.

Was geschah?

Ihr Auftreten orientiert sich an modernen Aktionsformen. Vom Stickern und Verteilen von Flugblättern bis zu Veranstaltungen und Demonstrationen hat sich in den letzten drei Jahren eine lange Liste gebildet.
Zum ersten Mal richtete sich im Jahr 2006 die Aufmerksamkeit auf die aNA, nachdem über diese aufgrund von Hetzplakaten gegen MigrantInnen in der lokalen Presse berichtet wurde. Die Negativpresse über die Ahlener Nazis erweckte schließlich das Interesse des Staatsschutzes, der die aNA seit bereits diesem Zeitpunkt unter Beobachtung stellt.
Bei der Bildung einer antifaschistischen Gruppe in Ahlen, pöbelten diese und provozierten durch Rufen verfassungsfeindlicher Parolen, was zur Folge hatte, dass bei den folgenden Antifatreffen die Polizei bereits präventiv vor Ort war.
Im Jahr 2007 gab es zahlreiche Auseinandersetzungen verbaler sowie körperlicher Art. Angriffe richteten sich gegen vermeintliche Linke, wobei unter anderem eine Schwerverletzte im Krankenhaus landete. Bei einer antifaschistischen Demonstration provozierte B., indem er zur selben Zeit im Ahlener Bahnhof als Gegenaktion plakatierte.
Am 23.02.2008 lud die aNA andere autonome Nationalisten, Kameradschaften sowie die NPD zu einer Veranstaltung unter dem Motto „Gegen die Banalität des Blöden“ in Ahlen ein. Unter den Referenten befanden sich unter anderen Sascha Krolzig aus Hamm und Dirk Splettstößer aus Ahlen.
Die aNA prägte vor allem das Ahlener Stadtbild, in dem sie durch unzählige Sticker, gelegentlich Plakaten und auch Graffitis ihre Inhalte vermitteln wollten. So wurden unter anderen Schulen, der Bahnhof und selbst Privathäuser mit entweder extrem rechten Parolen, die ihr antisemitisches, rassistisches und antidemokratisches Weltbild verdeutlichen, oder den Initialen „ANA“ beschmiert.
Bei dem Finale der Fussball Europa Meisterschaft 2008 in Wien spielte Deutschland gegen Spanien und verlor. Dies kränkte den Nationalstolz einiger Mitglieder der aNA, die sich durch SS-Zeichen auf der Stirn und durch das Schwenken einer verfassungsfeindlichen Fahne bermerkbar machten.
Zum „Trauermarsch“ in Bad Nenndorf im Jahr 2008 mobilisierte die aNA als einer der Hauptakteure durch Aufkleber, Plakate und Flugblätter, an dem schließlich auch 300 bis 400 Neonazis beteiligt waren. Auch für die Bad Nenndorf Demonstration 2009 macht die aNA in Ahlen Werbung.
Die aNA beschäftigt sich jedoch auch mit ehemals eher „linken“ Themen, wie der Auseinandersetzung mit Tierrechten. So äußerte sich die aNA öffentlich gegen Pelz und plante interne Aktionen gegen einen stadtbekannten Hundequäler. Ebenso propagierte diese die „Befreiung“ von Katzen aus einer vermeintlich verwahrlosten Gemeinschaft. Nach Recherchen auf beliebten Internet Communities stellten sich einige Mitglieder der aNA auch als Vegetarier heraus. Die aNA ist somit ein gutes Beispiel für den Modernisierungsprozess der heutigen Neonazis, die sich nicht nur auf die üblichen rechten Themenfeldern stützt, sondern das Augenmerk auch auf soziale Felder richtet, um nicht sofort als Neonazi erkannt zu werden und um Sympathien in der Zivilbevölkerung zu sammeln.

Verhandlungen und Verurteilung

Als die Verhandlungstage im Prozess zu Daniel B. und Dirk Splettstößer Anfang 2009 begannen, überschlugen sich die Presseartikel wöchentlich. Die Öffentlichkeit erfuhr über die unterschiedlichen Anklagepunkte und den Prozessablauf. Angeklagt waren sie wegen Zeigen verfassungsfeindlicher Symbole, Landfriedensbruch, Verstoß gegen das Vermummungsgesetz, Verstoß gegen das Waffengesetz, schwere Körperverletzung ( dabei kamen u.a Totschläger und Pfefferspray zum Einsatz), Sachbeschädigung, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Stehlen von Verkehrschildern, Volksverhetzung und Morddrohungen. Am 7.ten Verhandlungstag wurde ein Haftbefehl für B. ausgesprochen, worauf die Neonazis mit einer Spontandemonstration reagierten. Ungefähr 60 autonome Nationalisten marschierten am 30.03.09 durch Ahlen. Es versammelten sich rechte Gruppierungen aus Hamm, Dortmund, Essen und weiteren „Nazimetropolen“.
Hier wird verdeutlicht wie weit die Vernetzung der Ahlener Neonazis reicht. Die Kontakte reichen bis in den Ruhrpott nach Dortmund, Essen, Recklinghausen, Marl oder Hamm, aber sogar auch zu den berüchtigten Schaumburger Neonazis. Unterstützung kriegt die aNA von diesen durch Helfen beim Flugblätter verteilen, bei „spontanen“ Demonstrationen oder beim kollektiven Auftreten zu national-historischen Jubiläen.
So wie auch am Tag der Verurteilung am 09.04.09 im Ahlener Amtsgericht. Während der Gerichtssaal hauptsächlich mit AntifaschistInnen gefüllt war, versammelten sich 40-50 autonome Nationalisten vor dem Amtsgericht. Aus der vorerst von der Staatsanwaltschaft geforderten Haftstrafe von 3 1/2 Jahren ohne Bewährung, wurden letztendlich 3 Jahre Jugendhaft für Daniel B.. Dirk Splettstößer erwarten 10 Monate auf Bewährung, wobei erst noch geklärt wird, ob diese wirklich nur auf Bewährung gestellt werden (JGG §75). Dazu muss Splettstößer 200 Sozialstunden abarbeiten.

Und jetzt?

Trotz Verurteilung bleiben die Ahlener Neonazis relativ aktiv. Am 8. Mai versammelten sich um die 20-30 Nationalisten am Ahlener Marktplatz vor dem Kriegsdenkmal. Unter dem Motto: „8. Mai – Wir feiern nicht“ beteiligten sich auch Neonazis aus Unna, Hamm und Oelde. Es wurde die „Befreiungslüge“ propagiert und an die deutschen Soldaten im 1. und 2. Weltkrieg gedacht. Während extrem rechter Inhalt in Ahlen verbreitet werden konnte, hielt die örtliche Polizei es für angebrachter die Personalien von AntifaschistInnen aufzunehmen und riet eine antifaschistische Veranstaltung am 8.Mai abzusagen.
Weiterhin wurden vor der Europawahl Wahlplakate mit Hakenkreuzen und faschistischen Parolen beschmiert und Aufkleber gegen die BRD angebracht. Die Polizei nahm noch am gleichen Abend drei Personen, die Sprühfarbe und Aufkleber mit sich führten, fest.

Reakton der Zivilgesellschaft?

Aufgrund der zahlreichen Publikation in der lokalen Presse und des öffentlichen Fernsehns, entstand ein gewisses „Problembewusstsein“ in der Ahlener Bevölkerung. Zu betonen sei jedoch hierbei, dass dieses Bewusstsein erst nach drei Jahren und während der Verhandlungstage entstand. Vor dem Prozess wurde der aNA kaum Beachtung geschenkt und das Neonaziproblem sogar aufgrund der vermeintlich geringen Mitgliederanzahl heruntergespielt.
Oftmals scheiterten schnelle Handlungen aufgrund von Bürokratie, wie z.B. beim Entfernen von antidemokratischen Graffitis, die zum Teil immernoch in Ahlen aufzufinden sind.
Am Tag der Verurteilung fand eine bürgerliche Demonstration und Kundgebung in Ahlen statt. Während der rechte Mob durch Ahlen marschierte, blieb es bei den Bürgern eher bei symbolischen und verbalen Ausgüssen. Ein paar Wochen darauf wurde bei einer öffentlichen Veranstaltung über die weitere Vorgehensweise in Bezug zu der extremen Rechten diskutiert. Wiederum gab es keine konkreten Konsequenzen und Aktionen gegen die autonomen Nationalisten blieben weiterhin aus.




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